Insolvenzverwalter verhindert übertragende Sanierung und zerschlägt Firma

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Eine Geschichte aus dem Handwerk am Beispiel einer Elektrotechnikfirma

 

Wie das Fehlverhalten eines Insolvenzverwalters Unternehmen um ihre Existenz bringen kann.

Im Fall bestand das Fehlverhalten des Insolvenzverwalters darin, dass er die übertragende Sanierung nicht durchgeführt hat.

Die Geschichte

Ein gut laufendes und gut strukturiertes Unternehmen mit zehn Mitarbeitern und stabilen Kundenbeziehungen litt an Altschulden.

Die Altschulden minderten die Liquidität für die gegenwärtigen laufenden Kosten. Dies hatte zur Folge, dass die Krankenkassenbeiträge und Steuerzahlungen sechs Monate in Rückstand gerieten. Daraufhin stellte die Krankenkasse einen Insolvenzantrag wegen Zahlungsunfähigkeit des Unternehmens.

Ab diesem Zeitpunkt lag das Schicksal des Unternehmens in der Hand des Insolvenzverwalters.

Bei zwei Begegnungen mit einem unemphathisch auftretenden Mitarbeiter des Insolvenzverwalters wurden weder die Fragen der Mitarbeiter, noch die des Schuldners geklärt und somit die Ängste und Sorgen nur vergrößert.

Das Auftreten des Mitarbeiters führte zur inneren Kündigung (Arbeitsplatzsuche) bei den Mitarbeitern und der Schuldner verfiel in die Depression.

Das Ergebnis: Ein vom Grundsatz gesunder Betrieb wurde durch ein unglückliches Verhalten des Mitarbeiters des Insolvenzverwalters kaputt gemacht.

 

Wie haben Sie diese Situation erlebt?

Ich fühlte mich von niemandem verstanden.

Ich fühlte mich durch das Verhalten des Mitarbeiters vor den Augen meiner Mitarbeiter gedemütigt. Meine Mitarbeiter hatten den Eindruck, ich hätte meine Pflichten als Geschäftsführer nicht erfüllt.

Meine Familie begann ebenso meine Kompetenz zu hinterfragen.

Auch von Seiten des Insolvenzverwalters sah niemand, dass hinter meiner Person nicht nur der Schuldner, sondern auch eine Person mit privaten Sorgen steckt. Der Mitarbeiter des bestellten Insolvenzverwalters riet mir in zynischer Art und Weise, Hartz IV zu beantragen. Jedoch hätte auch mir Unterhalt aus der Masse nach § 100 InsO zugestanden. Schließlich förderte auch ich die Umsatztätigkeit wie ein Mitarbeiter.

Ich fühlte mich nicht verstanden und mir wurde der Mut für das Unternehmersein genommen.

 

Wie hat ihre Familie reagiert?

In der Familie drehte es sich immer nur alles um das Geld, um die existentiell wichtigen Dinge des Lebens zu bezahlen. Durch den aufkommenden Streit in der Familie wurde ich zusätzlich zermürbt.

 

Haben Sie nicht um ihre Existenz gebangt?

Ich habe sogar in doppelter Hinsicht um meine Existenz gebangt:

Da mein Privat-Konto samt dem Kindergeld gepfändet war, das einem Pfändungsschutz unterliegt, bangte ich zunächst um meine private Existenz.

Außerdem bereiteten mir die Kündigungen meiner Mitarbeiter schlaflose Nächte. Ich wusste, dass mein Unternehmen ohne die Mitarbeiter nicht mehr lebensfähig war…

Die Konsequenz: ich als Schuldner wollte nicht mehr – ich war durch meine Erkrankung gelähmt.

 

Wie kamen Sie überhaupt dazu?

In diese Lage führten uns noch nicht getilgte Altschulden.

Weil die Altschulden die Umsatzerträge minderten, entstanden Krankenkassenbeitragsrückstände und Steuerschulden. Daraufhin stellte die Krankenkasse den Fremdantrag zur Insolvenz.

 

Das heißt, Sie haben alles richtig gemacht?

Nein,

es war nicht richtig diese Zahlungspflichten zu unterschätzen, nicht mit den Behörden zu kommunizieren und zuzulassen, dass alles seinen Gang nahm…

 

Und was haben Sie gelernt?

Ich habe gelernt, dass mein unternehmerisches Handeln als Schuldner in einigen Situationen fehlerhaft war. Derartige Situationen darf man nicht auf die leichte Schulter nehmen und davon ausgehen, dass sich schon alles klärt und von selbst erledigt.

Steuerschulden und Rückstände von Sozialversicherungsleistungen müssen durch aktive Handlungen und Verhandlungen mit den jeweiligen Gläubigern und anderen Beteiligten in den Griff bekommen werden. Nichts zu unternehmen, ist der größte Fehler in solch einer Lage.

 

Darüber hinaus habe ich allerdings auch gelernt, dass ich in dieser Situation nicht völlig schutzlos gewesen wäre. Ich hätte mich gegen das Fehlverhalten des Mitarbeiters des Insolvenzverwalters wehren können.

  • Zuerst einmal wurde die Person, die auch im Beschluss des Insolvenzgerichts steht nicht tätig, sondern sein Mitarbeiter als sogenannter „Grauverwalter“
  • Der vorläufige Insolvenzverwalter unterliegt der Rechtsaufsicht des Insolvenzgerichts. Folge: Eine Beschwerde dahin steht jedem Schuldner zu.
  • Gibt es einen vorläufigen Gläubigerausschuss, dann ist zuerst einmal er der Adressat – schließlich haben die Gläubiger ein Interesse an der besten Art der Verwertung des Schuldnervermögens (Zerschlagung oder Fortführung). Dies ist erst recht der Fall, wenn die bessere Art – die Fortführung – durch ein „unmenschliches“ Verhalten verhindert wird. Dagegen steht das positive Bild, das einen Insolvenzverwalter auszeichnet (Professionalität, menschliche Stärken, Empathie für die unmittelbar von einem „Schicksalsschlag“ Betroffenen).

Stattdessen verfestigte sich das Bild von einem Insolvenzverwalter, der mit Arroganz auftritt, der als Machtmensch im Bewusstsein seiner Vielfalt an Rechten handelt.

 

Was würden Sie anderen Menschen aus ihren gesammelten Erfahrungen heraus empfehlen?

Die Lösung hätte lauten müssen: Das Unternehmen wird fortgeführt. Das Mittel der Wahl: Eine übertragende Sanierung.

Nach Insolvenzeröffnung hätte ein Dritter das Aktivvermögen bei Übernahme der Verträge gekauft.

Heute ist mir bewusst, dass ein Schuldner alle betrieblichen Umstände überblicken können muss. Auf ein blindes Vertrauen auf einen Insolvenzverwalter darf man in solch einer Position nicht setzen.

Beim unternehmerischen Tätigwerden am Markt als Schuldner gibt es keine Ausrede, die Rechte und Pflichten nicht zu kennen!

 

* Der Erzähler wurde anonymisiert, um seine Person zu schützen.

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