Erfolgsgeschichten Regelinsolvenz

Ihre Firma ist insolvent? Sie persönlich sind überschuldet? Ein Fall aus der Praxis: Wir beraten den insolventen IT-Unternehmer Markus Müller – bis zum erfolgreichen Neustart.

Eine andere Geschichte

Vor vier Jahren kam das, womit aus Thomas’ Umfeld keiner gerechnet hatte: Damals führte der engagierte Unternehmer den Familienbetrieb, eine regionale Baumarktkette, in die Pleite. Große Visionen hatte Thomas gehabt, als er den Betrieb zehn Jahre zuvor von seinem Vater übernommen hatte. Doch seine Bemühungen, das Unternehmen zu einem weltweiten Player zu machen, scheiterten. Zum Verhängnis wurde ihm die serielle Eröffnung von Filialen in einem Ballungsgebiet. Der erwartete Umsatz blieb aus. Als sich dann noch der Marktführer in der Region niederließ, musste das Familienunternehmen Konkurs anmelden. Nach knapp vierzig Jahren schloss es kurze Zeit später seine Tore. Dem Lebensstandard der Familie indes tat das keinen großen Abbruch. Trotz der Firmenpleite konnte sie in ihrer Villa am Stadtrand wohnen bleiben und musste auch sonst kaum auf Annehmlichkeiten verzichten. Denn Thomas hatte vorgesorgt…

Wie haben Sie die Insolvenz erlebt?

Das Schwerwiegendste war für mich das Gefühl des Scheiterns. Sich das eigene Versagen vorwerfen zu müssen ‒ das war für mich die schlimmste Erfahrung! Aber vielleicht auch die heilsamste… Das kann ich zumindest aus heutiger Sicht so sehen. Als die Gläubiger vor der Tür standen, war ich zu einer solchen Sichtweise natürlich noch nicht in der Lage. Das waren ganz schwarze Zeiten! Es hat geschmerzt, hautnah miterleben zu müssen, wie die Firma zugrunde ging.

Wie hat ihre Familie reagiert?

Das war sehr unterschiedlich. Gerade die ältere Generation hat teilweise sehr heftig reagiert. Ein Onkel warf mir offen vor, leichtsinnig das Familienerbe verzockt zu haben. Das hat mich an einem empfindlichen Nerv getroffen, weil ich natürlich selbst große Schuldgefühle hatte und diese auch heute noch nicht los bin. Teilweise wurde mir aber auch viel Unterstützung entgegengebracht. Gerade meine Frau und die Kinder haben mir in der Situation einen unglaublichen Halt gegeben.

Haben die nicht um ihre Existenz gebangt?

Nein, da konnte ich sie schnell beruhigen. Zum Glück hatte ich schon in guten Zeiten damit angefangen, für den Fall des Falles meinen Privatbesitz systematisch vor Übergriffen der Gläubiger zu schützen. Letzten Endes konnten wir deshalb unseren gewohnten Lebensstandard, mit einigen kleinen Ausnahmen, weiterführen. Das war unser großes Glück im Unglück.

In dieser Weise vorzusorgen ist schon selten. Die Wenigsten machen sich ja Gedanken über den Schutz ihres Privatvermögens.

Wie kamen Sie überhaupt dazu?

Dazu hat mich mein Vater gebracht, zumindest theoretisch. Schon als ich das Unternehmen übernahm, gab er mir den Rat mit auf den Weg, an die Vorsorge zu denken und dafür auch etwas zu tun. Der entscheidende Anlass kam später: Als ein guter Freund von mir mit seinem Start-up von heute auf morgen in die Insolvenz schlitterte und daraufhin sogar sein Dach über dem Kopf verlor, wurde ich endlich aktiv. Meistens muss man leider erst mit der Realität des Lebens konfrontiert werden, bevor man ins Handeln kommt…

Das heißt, Sie haben alles richtig gemacht?

Na ja, so kann man das natürlich nicht sagen. Was das Unternehmen anbelangt, habe ich eine große Fehlentscheidung getroffen, die weitreichende Konsequenzen hatte. Das muss ich mir eingestehen, und da gibt es auch nichts zu deuteln. Ich bin aber der Überzeugung, dass man Fehler im Leben machen darf, wenn man bereit ist, aus ihnen zu lernen.

Und was haben Sie gelernt?

Ich habe früher dazu geneigt, mich selbst zu überschätzen. Heute bin ich, so scheint’s mir, realistischer, vielleicht bodenständiger geworden. Ich backe keine XXL-Brötchen mehr, sondern nur noch XL (lacht). Nein, im Ernst: Ich baue gerade ein neues Geschäft auf und dabei gehe ich deutlich besonnener vor. Ich spüre auch nicht mehr die Unruhe in mir, die mich damals getrieben hat, zu schnell groß und erfolgreich zu werden. Das wirkt sich auf alles gut aus: auf meine innere Zufriedenheit und auf die Beziehung zu meiner Familie. Die Uhren ticken nun ein bisschen langsamer, alles geht stabiler voran – und das ist gut so.

Was ist ihr stärkster Eindruck aus der Zeit der Insolvenz?

Hier fallen mir zwei Dinge ein. Das eine ist der Abschied von den Mitarbeitern. Viele von denen werde ich wohl nie wieder sehen. Als sich ein alter Lagerarbeiter, der schon die Anfänge unseres Unternehmens miterlebt hatte, von mir verabschiedete, bekam ich feuchte Augen. Das zweite ist eine Zusammenkunft der Familie mit allen Gesellschaftern und ihren Angehörigen im Unternehmen. Wir hatten uns hier wenige Tage nach Torschluss versammelt. Jeder erzählte noch einmal von seinen stärksten Erfahrungen und Erlebnissen aus dem Unternehmen. Das war für uns alle sehr bewegend und ein würdevoller Abschied. Ich behaupte, dass uns das sehr zusammengeschweißt hat.

Was würden Sie anderen Menschen aus ihren gesammelten Erfahrungen heraus empfehlen?

Nicht abzuwarten, bis das Kind in den Brunnen gefallen ist, sondern unbedingt vorzusorgen! Dazu gehört, sich selbst rechtzeitig mit den Regeln der Insolvenzordnung vertraut zu machen, damit man weiß, was im schlimmsten Fall alles über einen hereinbrechen kann. Und damit man möglichst wenig beschadet herauskommt und sich wieder gute Startchancen schafft, sollte man unbedingt einen Berater aufsuchen. Ich bin zu Rechtsanwalt Schmidt gegangen, der hat mich bei allem unterstützt und professionell durch alle Klippen gelotst.

* Der Erzähler wurde anonymisiert, um seine Person zu schützen

Das Interview führte Katrin Frische, Agentur für Storytelling. Biografien, Unternehmensgeschichten, Kulturbücher.

www.frische-biografien.de