Insolvenzgeschichten.
Peter, 56 Jahre* erzählt…

Peter war Mitinhaber eines Software-Unternehmens. Alles lief zu seiner großen Zufriedenheit – beruflich wie privat. Zusammen mit seiner Frau und seinen Kindern wohnte er in einem großzügigen Haus. Das Haus war noch weitgehend fremdfinanziert. Mit seinem Einkommen war das aber zunächst kein Problem. Die Banken hatten ihm bereitwillig den Kredit gegeben. Doch dann kam das, womit keiner gerechnet hatte: Seine Firma fiel einem Betrug zum Opfer. Ein großer Kunde aus Großbritannien hatte die Schecks, mit denen die Ware bezahlt wurde, Wochen nach der Auslieferung von Peters Firmenkonto wieder zurückgebucht. Als dann die Hausbank drei Monate später, nach Eingang einer Vorkassezahlung, das Konto sperrte und alle Kredite kündigte, blieb nur der Weg zum Insolvenzgericht.

Über drei Jahre versuchte Peter, seine private Insolvenz zu verhindern. Er kämpfte wie ein Löwe, um dem persönlichen Bankrott zu entkommen. Doch nach drei Jahren stellte ein Gläubiger den Antrag auf Insolvenz (Fremdantrag) – mit Konsequenzen, die er damals für seinen weiteren Lebensweg noch gar nicht abschätzen konnte Peter kämpfte weiter. Vier Jahre später war er mit seiner Kraft am Ende. Peter hatte einen körperlichen und seelischen Zusammenbruch. Fast ein ganzes Jahr brauchte er, um wieder auf die Beine zu kommen. Heute blickt er mit Optimismus und einer neuen Vision für sein Leben in die Zukunft.

Was war für Sie die schlimmste Erfahrung?

Das Schlimmste für mich war das Gefühl, kein freier Mensch mehr zu sein. Keine selbständigen Entscheidungen treffen zu können wie z.B eine neue Firma gründen. Das war wie Knast mit Freigang. Obwohl ich nichts verbrochen hatte, wurde ich behandelt wie ein Schwerverbrecher. Ich durfte keine Steuererklärung mehr abgeben, keinen Handyvertrag abschließen, kein neues Bankkonto eröffnen. Nicht mal den Energieversorger konnte ich wechseln. Dann hieß es: „Vielen Dank für Ihren Antrag. Leider wünschen wir keine Zusammenarbeit mit Ihnen. Wenn Sie weitere Fragen haben, wenden Sie sich bitte direkt an die Schufa. Mit freundlichen Grüßen…“. Das war sehr entwürdigend! Als Kind lernt man aufzustehen, wenn man hinfällt. Jetzt musste ich liegen bleiben und wurde zusätzlich noch behandelt wie ein Verbrecher. Dann war da noch die absolute Hilflosigkeit; das Gefühl, ausgeliefert zu sein und versagt zu haben. Alle meine Visionen waren flöten. Und plötzlich war auch die Altersarmut eine riesige Angst, nein, ein Albtraum!

Wie haben sich Ihre Familie, Ihre Freunde und Bekannten verhalten?

Meine Frau und die Kinder standen zum Glück voll hinter mir. Wir sind sehr eng zusammengerückt und gemeinsam durch die schweren Jahre gegangen. Von den angeblichen Freunden sind dann letztlich nicht mehr viele übrig geblieben. Das hat mir gezeigt, wie stark unser Umfeld auf Äußerlichkeiten reagiert. Da ich mir viele Dinge einfach nicht mehr leisten konnte, wurde ich schnell ausgegrenzt.

Wo lagen Ihre Kraftquellen?

Ich bin eine Kämpfernatur. „Geht nicht gibt’s nicht!“, ist mein Kredo. Diese Einstellung hat mich lange getragen. Aber nach acht Jahren ist diese Kraftquelle versiegt. Ich habe mich einfach permanent selbst überfordert und keinen Raum mehr zum Regenerieren gehabt. Das hat sich gerächt. Mit einem „Lotsen“ hätte ich mich auf die entscheidenden Dinge konzentrieren können und viel Energie gespart.

Inwiefern war Ihre Familie von der Insolvenz betroffen?

Meine Familie wurde durch die Insolvenz schwer durchgeschüttelt. Zum einen auf wirtschaftlicher Ebene: Von heute auf morgen mussten wir jeden Cent umdrehen. Das kannten wir so vorher nicht. Dann auch von der Rollenverteilung her. Ich war bis dahin immer der Fels in der Brandung. Plötzlich hat sich der Spieß umgedreht, weil ich nicht länger der Unterstützer war, sondern derjenige, der Hilfe brauchte. Das hatte immense Auswirkungen auf meine Familie. Rückblickend kann ich sagen, dass uns das gut zusammengeschweißt hat. Dafür bin ich sehr dankbar!

Welche Gefühle hatten Sie, als Sie sich Ihr „Scheitern“ eingestehen mussten?

Das Schlimmste war, mein Leben nicht mehr in der Hand gehabt zu haben. Ich hatte das Gefühl, nur noch fremdgesteuert zu sein. Zudem haben die Selbstzweifel an mir genagt. Ich habe mich extrem zurückgezogen und stand immer wieder kurz vor der Selbstaufgabe. Mehr als einmal ist mir durch den Kopf geschossen: „Das kriegst Du nie mehr hin!“ Irgendwann ertappte ich mich sogar bei dem Gedanken, mir das Leben nehmen zu wollen. Ich fuhr auf der Autobahn und spielte mit dem Gedanken, gegen den nächsten Brückenpfeiler zu fahren. Da wusste ich, dass ich mir therapeutische Hilfe holen musste.

Was haben Sie aus der Insolvenz gelernt?

Im wesentlichen zwei Dinge. Erstens: Verlasse dich nicht auf Deine Banken und arbeite immer mit mehreren unterschiedlichen Instituten! Ich werde in meinem Leben keiner Bank mehr vertrauen. Immer, wenn ich sie einmal wirklich gebraucht habe, waren alle Türen zu. Derzeit versuche ich, meine Immobilie mit 50 Prozent des Verkehrswertes zu belasten. Aber wegen meiner Schufa-Einträge will keiner mit mir Geschäfte machen. Und meine zweite Lektion: Frühzeitig Hilfe von Externen holen! Denn ich habe es zunächst allein versucht, leider mit nur wenig Erfolg. Die Banken haben meinen Aussagen und Aufstellungen nicht geglaubt und sich im Endergebnis durch den Fremdantrag auch selbst geschadet. Das würde ich heute anders machen. Ich empfehle daher jedem, sich einen kompetenten Berater zu holen, der dann als Lotse hilft, das Schiff sicher durch das schwierige Gewässer zu steuern. Und zwar so früh wie nur irgend möglich!

Was würden Sie anderen Menschen raten, die in Insolvenz geraten sind?

Wenn man merkt, dass man in eine Krise kommt, frühzeitig Hilfe holen! Von einem Coach, der einen in der persönlichen Lebenssituation berät, und von Spezialisten wie Steuerberatern, Juristen oder Finanzierungsexperten.

Wer oder was hat Sie dabei unterstützt, ein neues Leben in die Hand zu nehmen?

Da gab es mehrere Stützen: In Rüdiger Schmidt habe ich einen sehr sachkundigen Insolvenzberater gefunden, dem ich es zu verdanken habe, inzwischen aus der Schuldenfalle befreit zu sein. Unterstützung bekam ich auch von meiner Familie. Meine Frau hat mich zu den anonymen Insolvenzlern** geschickt. Ich dachte, das ist schon viel zu spät, das brauche ich doch jetzt nicht mehr. Aber es war genau der richtige Schritt. Hier habe ich Hilfe und Zugang zu einem kompetenten und vertrauenswürdigen Netzwerk bekommen, dem ich heute meine Erfahrungen zur Verfügung stellen kann.

* Der Erzähler wurde anonymisiert, um seine Person zu schützen

Das Interview führte Katrin Frische, Agentur für Storytelling. Biografien, Unternehmensgeschichten, Kulturbücher.
www.frische-biografien.de